DIE SPINNE… UND ICH

Was mich bei meinen Visionssuchen immer wieder aufs neue erstaunt hat, war, wie freundlich und wohlwollend mich die Natur aufgenommen hat. Wo ist eigentlich dieser Glaube hergekommen, dass uns die Natur böses will? Dass sie gefährlich sei, sozusagen nur darauf warte, uns mit Haut und Haaren zu verschlingen? Bzw… wie wäre es, wenn wir uns von ihr mit Haut und Haaren verschlingen ließen und uns vielleicht so geborgen in ihrem Schoss wiederfinden würden?
Ich war zum zweiten Mal zu den 9 Tagen aufgebrochen. Es war der erste Tag, ich war gerade “gepflanzt“ worden und es begann zu nieseln. Großvater Aurélio hatte vor einigen Jahren beschlossen, dass wegen des meist starken und anhaltenden Regens in Segualquia (übersetzt “der Weg zum Himmel”, der Ort wo im Süden Brasiliens die Visionssuchen und Sonnentanz des Fogo Sagrado de Itzachilatlan statt finden – siehe Facebook – Segualquia), die Buscadores Planen aus Baumwolle mitnehmen durften, um sich vor der ärgsten Nässe zu schützen.
Ich hatte also meine Plane an einem Seil zwischen zwei Araukarien aufgehängt und darunter, im Trockenen, aus den abgeworfenen Nadeln ein Lager gemacht. Darauf lag meine Wolldecke. Es begann zu nieseln und ich legte mich unter die Plane.
SCHOCK! Genau über meinem Gesicht saß eine Spinne auf der Unterseite der Plane. Sie war ziemlich groß, gefühlte 20 cm Durchmesser, mindestens! Ich gefror auf der Stelle und bewegte mich keinen Millimeter. Ich hatte schon einige Geschichten über Spinnenbisse im Wald gehört, auch davon, dass solch große Spinnen Menschen anspringen, um sie zu beißen. Der Gedanke daran machte mir Gänsehaut.
Eine Weile blieb ich bewegungslos liegen und überlegte, was zu tun sei. Unter diesen Umständen zu schlafen war ausgeschlossen – entweder die Spinne oder ich!
Ich kroch so langsam und unauffällig wie möglich zum Fußende meines engen und niedrigen Lagers und ließ die Spinne nicht einen Augenblick aus den Augen. Schließlich langte ich nach einem langen dünnen Ast, fasste Mut, und stupste sie an.
Ich hatte erwartet, dass sie mich anspringen würde, oder zumindest den Ast. Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich sah, dass sie die gleiche Bewegung machte wie ich kurz davor, als ich sie entdeckt hatte: sie verfiel in eine Schockstarre und machte sich so klein wie möglich. Das überraschte mich. Ich fasste neuen Mut und begann sie mit anderen Augen zu sehen – sie richtig anzusehen. Eine Weile betrachtete ich sie und fand sie inzwischen wirklich schön wie sie da saß. Elegant sogar, mit ihren langen braunen Beinen. Ich belästigte sie nicht mehr und nach einem Weilchen setzte sie sich in Bewegung. Sie krabbelte die Plane hinab, unter meine Decke, tauchte auf der anderen Seite wieder auf und ging über meine Chanupa, die am Kopfende lag. Dann krabbelte sie wieder an der Plane hoch und ehe ich mich’s versah, gelangte sie zum Stamm der Araukarie, verschwand daran hinauf und ward nicht wieder gesehen.
In mir aber hinterließ sie einerseits große Erleichterung, dass ich mein Nachtlager nicht mit ihr teilen musste. Andererseits große Dankbarkeit über ihre Lehre. Nämlich dass ich in meinem Leben gut daran tue, zuerst genau hinzuschauen, bevor ich ohne nachzudenken in eine Verteidigungshaltung gehe und mir so vielleicht große Schätze, die mir das Leben schenkt, entgehen lasse.
Inzwischen liebe und ehre ich die Spinnen sehr. Bei meinen 13 Tagen hatte ich die Gelegenheit, eine Spinne zu beobachten, wie sie ihr Netz webt. Es ist ein Tanz in seiner ganzen Vollendung, der mich sehr berührt hat. Von indigenen Frauen hatte ich bereits gehört, dass sie die Medizin der Spinne durch Gesänge rufen, wenn sie sich ans Weben und Knüpfen ihrer wunderbaren Stoffe machen.
Nie mehr die Spinne oder ich, sondern ich und die Spinnen 😉

Aha Metakiase