Vom Schatz, kompetente Kinder unserer Eltern zu sein

Seit mehreren Wochen, vielleicht sogar Monaten, spüre ich, dass dieser Text geschrieben werden will, er will an die Oberfläche, wie Quellwasser ans Licht.

Seit einiger Zeit bitte ich darum, die richtigen Worte zu finden, um mich auszudrücken, oder noch vielmehr, die richtige Art, um diesen Worten eine Form zu geben. Jetzt habe ich verstanden, dass es für mich am einfachsten und auch am Schönsten ist, wenn ich einfach von mir selbst erzähle.

Um es noch kohärenter zu machen, müsste ich eigentlich in meinem Dialekt schreiben, so wie mir “der Schnabel gewachsen” ist. Aber wer weiss, vielleicht interessiert es ja auch noch andere Menschen, die nicht unbedingt aus Tirol kommen. Für sie möchte ich Sprachschwierigkeiten vermeiden.

Nun also.

Am Beginn steht der Dank. Der Dank an meine Mutter, Erika Kofler, und meinen Vater, Hans Brugger, für mein Leben.

Eltern

Dann, der Dank an die Medizinen (in allen ihren Manifestationen) der indigenen Völker, die mich konstant lehren, dieses Leben tiefer zu begreifen, mit ihm zu fliessen und es in mir und um mich zu ehren und zu erhalten.

Ich wusste das nicht immer, aber ich bin sehr sensibel. So sensibel, dass z.B. die Medizin des Peyote nur in meine Nähe kommen muss, dass mein Körper bereits ihre Wirkung spürt. Mein Sein braucht viel Liebe, Schönheit, Freundlichkeit, Wärme. Ich denke, das haben wir Menschen alle gemeinsam. Nur einige scheinen den Mangel daran besser auszuhalten, als andere. Ich zähle mich zu den anderen. Mangel aber, scheint mir ein grundlegendes Element in der Kultur zu sein, aus der ich ursprünglich komme, was sich wohl soziologisch auf verschiedene Arten erklären lässt. Nun, etwas in mir hat sich beizeiten auf den Weg gemacht, um nach der Sonne zu suchen, die in mir die Kälte vertreibt und, ja, wer sucht der findet. Den Zugang zu viel Liebe, Schönheit, Freundlichkeit und Wärme habe ich in Brasilien gefunden, bei den Menschen des Fogo Sagrado de Itzachilatlan und den verwandten Familien der Guarani und der Kirche des Santo Daime.

fogo temascal

Was hat das nun mit der Kunst zu tun, kompetente Kinder unserer Eltern zu sein?

Nun, ich beobachte mich, wie ich zunehmend Resistenz empfinde, wenn so viele Medizinleute von ausserhalb, in Südtirol Zeremonien und Rituale abhalten. Paradox, seit ich mit diesen Medizinen in Kontakt gekommen bin, bete ich aktiv dafür, dass “meine” Leute, mein Volk aus den Bergen, ebenfalls den Zugang zu dieser Liebe, Schönheit, Freundlichkeit und Wärme so viel wie möglich bekommen mögen.

Also habe ich mir das in mir genauer angeschaut und bin zu folgendem (vielleicht zwischenzeitlichen) Schluss gekommen. Was in mir diese Widerstände auslöst, ist mein Eindruck, dass wir, Volk der Berge, uns selbst unseren Besuchern gegenüber klein machen. Dass wir die Tendenz haben, sie auf ein Podest zu stellen und ihnen so eine Macht übertragen, mit der vielleicht nicht alle so respektvoll umgehen, wie wir es hoffen.

Ich spüre eine unglaubliche Sehnsucht in mir, diesen Medizinleuten auf Augenhöhe zu begegnen, mit unserer eigenen Tradition. Sie teilhaben lassen, an dem, was unser Volk an Wertvollem hat. Und da merke ich gerade, dass es vielleicht gar nicht primär darum geht, unsere uralten Traditionen, von denen ich ausgehe, dass sie im Laufe der Jahrhunderte verschüttet wurden, wieder zum Leben zu erwecken – nun, vielleicht auch. Aber gerade kommt mir vor, dass es zuerst einen Urwichtigen Schritt zu machen gilt, der zwar einfach und für jeden zugänglich ist, aber auf keinen Fall leicht zu vollziehen: nämlich genau der, dass wir zu kompetenten Kindern unserer Eltern werden.

Ich habe diesen Satz zum ersten Mal von einer Familienaufstellerin gehört, die von der Waldorfschule, wo meine Kinder den Kindergarten besuchen, engagiert wurde, um die Schule systemisch aufzustellen. Sie hat diesen Satz so erklärt: wir werden in dem Moment zu kompetenten Kindern unserer Eltern, sobald wir sie 100% als die besten Eltern für uns anerkennen, und alles, alles das annehmen, was wir von ihnen mitbekommen haben – alles Gute und alles, aus unserer Sicht, Schlechte. Sie haben uns also genau das gegeben, was wir gebraucht haben, um uns darauf vorzubeireiten, wenn wir so wollen, unsere Mission im Leben zu erfüllen.

So lange wir diesen Schritt nicht machen, tendieren wir dazu, andere Menschen und Institutionen (in dem obigen Fall, die Schule, in unserem Fall hier, z.B. indigene Völker) zu idealisieren, und in sie diese die Perfektion hineinzuprojezieren, die wir bei unseren Eltern vermisst haben. Unnötig zu sagen, dass das eine tickende Zeitbome ist. (Hatte ich erwähnt, dass ich hier von mir selbst erzähle?)

Was bedeutet das nun also konkret in meinem Leben. Der Frieden mit meinen Eltern schliesst eine Lücke in der Kette meiner Verwurzelung. In der Kette meiner Vorfahren. In dem Moment wo ich meine Eltern annehme, nehme ich alles an, was durch sie zu mir gekommen ist. D.h. meine gesamte Genetik, sowie meine ganzen Verhaltensmuster, alle, alle kulturellen Eigenheiten, alles, meiner gesamten Vorfahren. Was für ein Riesengeschenk! Gerade ist es mir schleierhaft, wie ich so lange nur alles “Negative” gesehen habe, was ich mit meinen Vorfahren verbunden habe. Den ganzen Schmerz der Kriege, den Mangel, das sich verstecken, Gefühle nicht zeigen, usw. usw. Doch wenn ich genau schaue, sehe ich einerseits eine unglaubliche Kraft in diesen Leuten, diesen ganzen Herausforderungen zu trotzen, und das allerwichtigste weiterhin immer zu schaffen: das Leben zu erhalten und weiterzugeben und so mein Leben und das meiner geliebten Kinder zu ermöglichen.

Andererseits erahne ich, dass durch meine Blutlinie ein Wissens- und Erfahrungsschatz in mir ruht, den ich ab jenem Moment heben und aktivieren kann, in dem ich mich ihm ganz öffne, alles von ihm annehme, ja zu ihm sage. Ich gehe sogar davon aus, dass genau hier das Wissen liegt, wie wir unsere eigene Tradition wieder auf heilige Weise leben können.

Goasslschnelln

Das Annehmen meiner Eltern, mit allem, allem, was durch sie zu mir gekommen ist, sogar jene Anteile, die ich am wenigsten an mir mag, die ich vor mir selbst so gut wie möglich verstecke, hat weitreichende Folgen in meinem Leben. Ich kann in mir nur das verwandeln, was ich zuerst angenommen habe. D.h. ab diesem Moment des JA sagens, kann ich mich allem bewusst zuwenden und sehen, was für mein Leben noch Sinn macht, und was nicht.

Im spezifischen Fall des Umgangs mit den Medizinleuten merke ich, dass ich nicht mehr das Bedürfnis habe, mich selbst klein zu machen, weil ich mich eigentlich meiner Selbst, meiner Kultur usw. schäme. Mich ihnen anzupassen, ihnen alles so gleich wie möglich zu machen, nachzumachen. Z.B. ihren Tanz, ihre Gesänge, sogar ihre Art zu sprechen, sich zu kleiden und zu schmücken und zu tun. Stattdessen, gehe ich in Austausch. Ich lerne von ihnen und gleichzeitig lehre ich sie, durch mein einfaches, offenes und transparentes Sein. Ich respektiere mich und mein gesamtes Erbe, zeige mich und mein Erbe, und stelle es zur Verfügung, damit wir, als Menschheit, voneinander lernen können.

Aus der Schliessung dieser Lücke in der Kette meiner Verwurzelung spüre ich eine weitere Riesenkraft hervorkommen: die Kraft unserer Grosseltern, der Berge. Diese geliebten Giganten, die in ihrer majestätischen Schönheit unser Leben von klein auf prägen. Ihnen, den Bleichen Bergen, widme ich diesen Text. Auf dass wir uns immer bewusster, in grossem Respekt und Dankbarkeit begegnen mögen.

 

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